Der Begriff Tunnellamelle wird im deutschsprachigen Ingenieurwesen als praxisnahe Sammelbezeichnung für lamellenförmige Bauteile und abschnittsweise hergestellte Elemente im Tunnelbau verwendet. Gemeint sind je nach Kontext einzelne Lamellen einer Schlitzwand bei Deckel- und Schlitzbauweise, lamellenartig hergestellte Abschnitte beim Spritzbetonbau (NATM/SEM) oder Lamellen im Bereich von Portalen und Lüftungsbauwerken. In Planung, Bau, Instandsetzung und Rückbau hat die Tunnellamelle besondere Bedeutung, weil sie die Baugruben- und Tunnelstatik, die Bauabfolge sowie Themen wie Abdichtung, Lüftung und Wartung direkt beeinflusst. Bei Umbauten, dem kontrollierten Betonabbruch und Spezialrückbau werden hierfür häufig vibrationsarme Verfahren eingesetzt; dabei kommen im Zusammenspiel mit geeigneten Hydraulikaggregate für den Tunnelbau unter anderem Betonzangen sowie Stein- und Betonspaltgeräte zum Einsatz. Der Ausdruck deckt damit sowohl Bauzustände als auch den Endzustand ab und wird in der Fachkommunikation als neutraler Oberbegriff für lamellenweise hergestellte Lamellenfelder, Segmentabschnitte und funktionsbezogene Lamellen genutzt.
Definition: Was versteht man unter einer Tunnellamelle?
Unter einer Tunnellamelle versteht man ein lamellenförmiges, in sich abgeschlossenes Teilbauwerk oder einen abschnittsweise hergestellten Bauteilbereich, der im Tunnelbau statische, abdichtende, führende oder lüftungstechnische Funktionen erfüllt. Typisch sind Schlitzwandlamellen von Baugruben- und Tunnelaußenwänden, lamellenweise eingebrachte Spritzbetonfelder in der Ortsbrustsicherung, Lamellen bei Lärm- und Lichtlenkung an Portalen sowie Lüftungslamellen in Schächten und Querstollen. Der Begriff beschreibt damit keine einzelne Normbauteilart, sondern die lamellenartige Ausführung: als Panel, Feld, Segmentabschnitt, Lamellenfeld oder Luftleitlamelle. In Planen, Bauen, Instandsetzen und Rückbauen stehen Wasserundurchlässigkeit, Tragverhalten und Dauerhaftigkeit im Fokus. Bei der Instandsetzung oder beim Rückbau solcher Lamellen sind kontrollierte Verfahren mit geringer Erschütterung, geringem Staub und hoher Präzision gefordert, etwa das Spalten massiger Betonbereiche oder das zangenartige Abtragen bewehrter Betonbauteile.
Bauarten, Materialien und Einbauorte von Tunnellamellen
Tunnellamellen treten in mehreren baupraktischen Ausprägungen auf. Sie unterscheiden sich in Material, Dicke, Abmessungen und Anschlussdetails, erfüllen aber stets eine klar zugeordnete Funktion in der Bauabfolge und im späteren Betrieb. Im Folgenden sind die wichtigsten Bauarten skizziert, ihre typischen Einsatzorte erläutert und die Auswirkungen auf Herstellung, Inspektion, Instandsetzung und Rückbau dargestellt. Entscheidend ist das abgestimmte Zusammenspiel aus Baugrund, Fugentechnik, Bauzuständen und späterer Nutzung.
Schlitzwandlamellen im Deckel- und Schlitzbau
Schlitzwände werden in lamellenweise abgetrennten Abschnitten hergestellt. Jede Lamelle wird im Stützmedium ausgehoben, mit Bewehrungskörben bestückt und betoniert. Im Tunnelbau (insbesondere bei Deckelbauweise) übernehmen diese Lamellen wesentliche Lasten aus Erd- und Verkehrslasten, sichern gegen Grundwasser und bilden häufig die spätere Außenwand des Bauwerks. Fugenbänder, Quellprofile und Verzahnungslösungen stellen die Abdichtung zwischen den Lamellen sicher. Beim Öffnen, Nachrüsten oder Rückbau einzelner Lamellenfelder ist das kontrollierte Abtragen von hochbewehrtem Beton erforderlich; hier werden bevorzugt Betonzangen und – für massive Zonen – Stein- und Betonspaltgeräte eingesetzt, um Erschütterungen zu minimieren. Zusätzlich sind Details wie Sohlanschlüsse, Übergreifungsbewehrung und Einbindung in Deckelplatten maßgeblich für Tragwirkung und Dichtigkeit.
Spritzbeton-Lamellen bei NATM/SEM
Beim konventionellen Tunnelbau werden Ortsbrust und Kalotte abschnittsweise mit Spritzbeton gesichert. Diese Felder werden häufig lamellenartig alternierend eingebracht, um Setzungen zu begrenzen und die Tragwirkung zu steuern. Die Lamellen bestehen aus Spritzbeton mit Bewehrungsmatten, Ankern und eventuell Fasern. Für lokale Verstärkungen, Öffnungen oder Sanierungen gilt: dünnere Spritzbetonlamellen lassen sich präzise mit Betonzangen abtragen; für dickere Bereiche oder felsdurchsetzte Zonen haben sich Stein- und Betonspaltgeräte sowie Steinspaltzylinder bewährt, um den Fels- und Betonverbund ohne Schlag zu lösen. Die Abfolge der Spritzgänge, ausreichende Erhärtungszeiten und die Einhaltung der geforderten Frühfestigkeiten sind für die Gebrauchstauglichkeit entscheidend.
Lüftungs- und Portal-Lamellen
An Tunnelportalen und in Lüftungsbauwerken werden Lamellen aus Stahl, Aluminium oder GFK zur Luftführung, zum Witterungs- und Lärmschutz sowie zur Lichtlenkung eingesetzt. Diese Lüftungslamellen sind korrosionsgeschützt und strömungstechnisch ausgelegt. Bei Austausch und Rückbau sind die Trennung von Metallquerschnitten und die Demontage von Rahmen maßgeblich. Für die mechanische Trennung kommen Stahlscheren in Frage; tragende Betonrahmen der Lamellenfelder werden kontrolliert mit Betonzangen reduziert. Kleinere Metallprofile oder Installationen lassen sich mit Multi Cutters trennen. Ergänzend sind Aspekte wie Schwingungsentkopplung, Revisionsmöglichkeiten und aerodynamische Verluste zu berücksichtigen.
Materialien und typische Abmessungen
- Betonlamellen: Spritzbeton 80-300 mm, Stahlbeton (Schlitzwandlamellen) 600-1500 mm und mehr
- Metallische Lamellen: Stahl- oder Aluminiumprofile, Profilhöhen 100-400 mm, Wanddicken nach statischer Anforderung
- Nichtmetallische Lamellen: GFK- oder CFK-Profile für korrosionskritische Bereiche, Abmessungen nach Strömung und Steifigkeit
- Verbunddetails: Fugenbänder, Quellprofile, Bewehrungsübergreifungen, Dichtfugen
Fugen und Abdichtung von Lamellen
Die Fugentechnik entscheidet über Dichtigkeit und Dauerhaftigkeit lamellenartiger Bauwerke. Zur Anwendung kommen unter anderem:
- Arbeits- und Dehnfugen mit Fugenbändern oder quellfähigen Dichtprofilen
- Injektsysteme für nachträgliche Abdichtung bei Undichtigkeiten
- Verzahnte Kanten zur Schubübertragung und zur Begrenzung von Relativverschiebungen
Planung, Bemessung und Bauabfolge
Die Planung von Tunnellamellen richtet sich nach Geologie, Grundwasser, Bauverfahren und Betriebsanforderungen. Für Schlitzwandlamellen stehen Standsicherheit, Durchbiegung, Filterstabilität und Fugenabdichtung im Vordergrund; bei Spritzbetonlamellen zählen Verformungsbegrenzung, Ankerabstände und Frühfestigkeit. Lüftungslamellen werden strömungstechnisch ausgelegt und auf Korrosions- sowie Brandschutz geprüft. Eine sorgfältige Bauabfolge – lamellenweises Herstellen, ausreichende Erhärtungszeiten, definierte Fugen – sichert Trag- und Dichtwirkung. Ergänzend sind Toleranzmanagement, Bauphasenanalysen und die Abstimmung von Durchdringungen und Einbauteilen wesentlich für eine störungsfreie Ausführung.
Bemessungsaspekte
- Lastannahmen: Erd- und Wasserdruck, Verkehrslasten, Temperatureinflüsse, Brand
- Nachweise: Tragfähigkeit, Gebrauchstauglichkeit, Ermüdung bei wiederkehrender Beanspruchung
- Fugen: Wasserundurchlässigkeit, Verschieblichkeiten, Setzungsdifferenzen
- Bauzustände und Bauphasen: temporäre Umlagerungen, Zwischentragwerke, Erhärtung
- Dauerhaftigkeit: Karbonatisierung, Chloride, Frost-Tausalz und chemische Angriffe
Instandsetzung, Umbau und Rückbau von Tunnellamellen
Im Bestand erfordern Inspektionen und Umnutzungen oft Eingriffe in einzelne Lamellenfelder: Öffnungen für Kabeltrassen, Schachtanschlüsse, Portalumbauten oder der selektive Rückbau. Ziel ist ein präziser, erschütterungsarmer und staubminimierter Ablauf, um angrenzende Strukturen, Bahnbetrieb oder Verkehr nicht zu beeinträchtigen. Eingriffe werden idealerweise bauphasen- und risikoorientiert geplant, inklusive Monitoring und definierten Freigaben.
Verfahrenswahl und Gerätebezug
- Betonzangen: für das gezielte Abtragen von bewehrten Lamellenbereichen, gute Kontrolle der Bruchkanten, geringe Erschütterungen
- Stein- und Betonspaltgeräte bzw. Steinspaltzylinder: für massive Betonquerschnitte und Felsanteile, besonders geeignet in sensiblen Bereichen mit Erschütterungsbeschränkungen
- Stahlscheren: Trennung von Bewehrungskörben, Stahlrahmen und metallischen Lüftungslamellen
- Kombischeren: wenn im selben Arbeitsgang Beton und Stahl anfallen
- Multi Cutters: für Leitungen, kleinere Profile und Hilfskonstruktionen
- Hydraulikaggregate: Energieversorgung der hydraulischen Anbaugeräte mit passender Leistungsklasse und an den Träger angepassten Volumenströmen
Einsatzbereiche und Randbedingungen
- Betonabbruch und Spezialrueckbau: selektiv, kontrolliert und mit definierter Abfolge
- Entkernung und Schneiden: Vorbereitungen für Spalten und Zangenabtrag, etwa Kernbohrungen als Sollbruchstellen
- Felsabbruch und Tunnelbau: lösender Ausbruch in heterogenen Zonen
- Natursteingewinnung: vergleichbare Spalttechniken bei lamellar aufgebauten Gesteinsschichten
- Sondereinsatz: Arbeiten unter eingeschränkter Höhe, in belüftungssensiblen Bereichen oder bei Betrieb im Bestand
- Genehmigungs- und Betriebsauflagen: zeitliche Beschränkungen, Emissionsgrenzen und Nachweisführung
- Logistik unter Tage: Materialfluss, Zwischenlagerung und sichere Abtransportrouten
Typische Schadensbilder und Instandsetzung von Lamellen
Häufige Erscheinungen sind Rissbildungen, Abplatzungen, Ausblühungen, undichtig gewordene Fugen sowie Korrosion an Bewehrung oder Metalllamellen. Diagnose und Maßnahmen erfolgen schrittweise, vom Monitoring bis zum Eingriff. Zusätzlich treten materialabhängig Karbonatisierung, Chlorideinwirkung, Alkali-Kieselsäure-Reaktion und Frost-Tausalz-Schäden auf, die das Instandsetzungskonzept beeinflussen.
Vorgehen
- Sichtung und Prüfung (visuell, Rückpralleindruck, Potenzialmessung, ggf. zerstörungsfreie Verfahren)
- Ursachenanalyse (Wasser, Lastumlagerungen, Materialermüdung)
- Sanierung: Injektionen, lokale Erneuerung von Lamellenfeldern, Fugenertüchtigung, Austausch von Lüftungslamellen
- Kontrollierter Abtrag schadhafter Bereiche mit Betonzangen, Trennung von Bewehrung mit Stahlscheren, Spalten massiger Zonen mit Stein- und Betonspaltgeräten
Arbeitssicherheit, Emissionen und Umweltschutz
Arbeiten an Tunnellamellen erfolgen häufig in beengten, belüftungstechnisch anspruchsvollen Verhältnissen. Vorrang haben sichere Zugänge, geordnete Lastabtragung und Emissionsminderung. Vibrationsarme Verfahren wie das Spalten oder das zangenartige Abtragen mindern Erschütterungen, Staub und Lärm. Staubabsaugung, Wassernebel, funkenarmes Trennen und ein abgestimmtes Belüftungskonzept sind empfehlenswert. Vorgaben zu Brandschutz, Rettungswegen und Gefahrstoffen sind allgemein zu beachten. Eine belastbare Gefährdungsbeurteilung inklusive Gaswarnkonzept, Freimessungen und Lärm- sowie Erschütterungsmonitoring erhöht die Ausführungssicherheit.
Praxisorientierte Vorgehensweise: Selektiver Rückbau einer Beton-Tunnellamelle
Das folgende Ablaufbeispiel zeigt einen praxistauglichen Weg für den selektiven Rückbau eines lamellenartig ausgeführten Betonfeldes, etwa an einer Schlitzwand im Tunnelbereich:
- Bestandsanalyse: Pläne, Bewehrungsführung, Fugenlage, Leitungen und angrenzende Lasten klären
- Sicherung: Abstützen, Lastumlagerung, Schutzwände, Belüftung und Staubminderung einrichten
- Vorbereitung: Markieren der Schnitt- und Bruchlinien, Kernbohrungen als Sollbruchpunkte setzen
- Vorschwächung: Einbringen von Spaltbohrungen in rasterförmiger Anordnung
- Spalten: kontrolliertes Lösen massiger Bereiche mit Stein- und Betonspaltgeräten bzw. Steinspaltzylindern
- Zangenabtrag: stufenweises Abtragen mit Betonzangen, Freilegen der Bewehrung
- Stahltrennung: Bewehrung und Einbauteile mit Stahlscheren bzw. Kombischeren trennen
- Feinrückbau: Kanten nacharbeiten, Fugenbereiche schonend freilegen
- Entsorgung/Logistik: getrennte Erfassung von Beton, Stahl und Hilfsstoffen, Abtransport unter Betriebsauflagen
- Dokumentation: Soll-Ist-Vergleich, Freigabe für nachfolgende Gewerke
Qualitätssicherung und Schnittstellen
Lamellen beeinflussen benachbarte Bauteile direkt. Deshalb sind Schnittstellen – etwa zwischen Lamellenfugen, Zwischenstützen, Deckelplatten, Sohle und Innenausbau – frühzeitig zu koordinieren. Messkonzepte (Setzung, Rissweiten, Feuchte), Probebelastungen und Funktionsprüfungen (z. B. bei Lüftungslamellen) sichern die Gebrauchstauglichkeit. Bei Anpassungen im Bestand helfen schrittweise Verfahren mit Betonzangen und Stein- und Betonspaltgeräten, die vorhandene Struktur kontrolliert offenzulegen, ohne die Randzonen zu schädigen.
- Monitoring: kontinuierliche Erfassung von Verformungen, Erschütterungen und Feuchte
- Dokumentation: lückenlose Bauteil- und Fugenhistorie für spätere Eingriffe
- Abnahme: definierte Kriterien für Dichtheit, Ebenheit und Kantenqualität
Begriffsabgrenzung im Tunnelbau
Der Begriff Tunnellamelle wird in der Praxis flexibel genutzt. Schlitzwandbauteile sind klar als Lamellen ausgeführt; Spritzbetonfelder werden oft abschnittsweise lamellenartig hergestellt. Vorgefertigte Innenverkleidungen von Schildtunneln bestehen aus Segmenten (Tübbingen); sie werden in der Regel nicht als Lamellen bezeichnet. Lüftungslamellen und Portal-Lamellen sind funktionsbezogene Bauteile mit lufttechnischen Aufgaben. Diese Einordnung erleichtert die Wahl der geeigneten Bau- und Rückbauverfahren. Regional kann die Begriffsnutzung variieren, die funktionale Abgrenzung bleibt jedoch identisch.
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